Interview mit Mark Knopfler/ Quelle: Stereoplay/2003
www.stereoplay.de
Mark Knopfler,Ex-Chef der Dire Straits über sein neues Album „The Ragpicker’s
Dream".
Stereoplay: Für „The Ragpicker’s Dream“ hast du nur ein knappes Jahr gebraucht –
das schnellste Album deiner Karriere. Wie kommt’s? Hat dich der Erfolg von „Sailing
To Philadelphia“ beflügelt?
Knopfler: Natürlich habe ich mich gefreut, dass „Sailing To Philadelphia“ so gut
gelaufen ist. Das war ein schönes Kompliment. Und ich habe es sehr genossen, für
dieses Album zu komponieren. Deshalb ist es so schnell erschienen.
?: Zwischendurch warst du noch auf Tour...
!: Ja, aber die war längst nicht so lang, wie die damals mit den Dire Straits.
So etwas wird es in Zukunft auch nicht mehr geben.
?: Warum denn das?
!: Weil meine Kinder im schulpflichtigen Alter sind. Da ist es wichtig, zu Hause
zu sein.
?: Was hat es mit „Why Aye Man“, dem Titel der ersten Single, auf sich? Und was
macht dich so sicher, dass deutsches Bier keine chemischen Zusätze enthält?
!:(lacht) Vielleicht stimmt das ja nicht mehr, aber der Song spielt in der
Thatcher-Ära. Das Ganze ist inspiriert von „Auf Wiedersehen, Paddy“, einer
Fernsehserie über britische Arbeiter, die in den 70ern nach Deutschland gingen.
Jetzt wurde eine neue Staffel gedreht, und der Refrain von „Why Aye Man“ läuft
im Abspann. „Why Aye Man“ ist eine nordenglische Redewendung und bedeutet so
viel wie: ja klar, natürlich, absolut.
?: Fühlst du dich manchmal wie einer dieser Arbeiter, die ihre Heimat verlassen,
um für längere Zeit auf Montage zu gehen?
!: Manchmal schon. Ich habe viel Zeit mit harten Jobs verbracht und kann mich
mit Leuten identifizieren, die körperlich arbeiten müssen. Tatsächlich sind
etliche der neuen Songs in Europa angelegt – obwohl ich mich in erster Linie für
die Parallelen zwischen Amerika und Europa interessiere. Vor allem für die
ganzen Veränderungen, die wahnsinnig schnell passieren. Die Geographie von
Tennessee ist ein gutes Beispiel dafür: Wo früher kleine Schotterwege waren,
verlaufen jetzt belebte Straßen, auf denen sich der Verkehr staut. Ich fliege
jetzt seit 20 Jahren kreuz und quer durch Amerika und stelle fest, dass sich die
Metropolen immer weiter ausbreiten. Die Welt hat sich verändert, aber ich frage
mich, ob die Leute merken, wie schnell das passiert.
?: Gleichzeitig zeugt das Album auch von Humor. Einen Song wie „Quality Shoe“,
in dem du den Lebenswandel von Rockstars mit der Geschwindigkeit eines Kojoten
vergleichst, hättest du früher nie geschrieben, oder?
!: Kaum. Vielleicht bin ich etwas lockerer geworden, was wohl mit den Kindern
zusammenhängt. Aber die Geschichte rührt daher, dass ich schon immer die
Cartoons mit dem Roadrunner und dem Kojoten gemocht habe, und jetzt schaue ich
sie mit meinen Kindern an. Obwohl der Song aus der Perspektive des Roadrunners
geschrieben ist, liegt meine Sympathie beim Kojoten. Ich fand ihn immer
großartig, denn er gibt nie auf und hat immer neue Ideen. So wie in den alten
Filmen, wo irgendwelche Typen Flugzeuge erfinden, die natürlich nie abheben.
?: Und worum geht’s bei „Devil Baby“? Darum, wie schwer es ist, eine gute Frau
zu finden?
!: Nein, es geht darum, die Jahrmarkt-Freakshows aus dem vorletzten Jahrhundert
gegen die TV-Freakshows von heute zu stellen. Die Freakshow ist von der Kirmes
ins Fernsehen gelangt. Und wir können diese Kuriositäten nicht nur begaffen, wir
wählen am Telefon „1800-I’M-A-FREAK“ und erscheinen in der nächsten Sendung. Es
ist wie bei Big Brother – diese schnelllebige Berühmtheit, die mit daran hängt.
Das Verlangen nach Ruhm schleicht sich überall ein. Das ist ein krankes
Phänomen.
?: Schlägt sich die Gier nach Ruhm nicht auch in der Popmusik nieder? Ist die
nicht gerade deshalb so belanglos, weil sich jeder daran versucht – auch ohne
das geringste Talent?
!: Und junge Bands bekommen nur noch die Chance, gerade mal eine Platte zu
machen. Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte. Es ist wie bei diesen
Starlets in Hollywood, die zum reinen Wegwerf-Produkt verkommen sind. Und ich
weiß auch nicht, ob ich mit meinem aktuellen Sound überhaupt einen Major-Deal
bekäme. Ich müsste wohl auf Homerecords Ltd. veröffentlichen. Eine komische
Vorstellung.
?: Was ist mit deinen Kindern? Hören die den Britney-Kram?
!: Nein. Keine Britneys und keine Boy-Bands. Der eine hört Heavy Metal, der
andere Frank Zappa. Sie haben einen breit gefächerten Geschmack, und ich halte
das für eine gute Sache. Sie entdecken Musik, die nicht im Fernsehen läuft,
nicht Teil der Popstruktur ist.
?: Träumen sie davon, irgendwann mal Rockstars zu werden?
!: Der eine trommelt und will jetzt auch noch Gitarre spielen. Der andere strebt
eher eine Karriere als Skateboard-Star an. Was soll ich dagegen machen...
?: Und wann gehst du wieder auf Tour?
!: Nun, ich habe noch nie eine Platte gemacht, ohne live aufzutreten. Das wäre
eine komische Vorstellung. Und ich hoffe, dass wir spätestens im nächsten Sommer
wieder durch Europa reisen – auch durch Deutschland. „Auf Wiedersehen, Paddy“
spielt übrigens in Düsseldorf. Du solltest dir die Serie anzuschauen. Ich denke,
du hättest Spaß daran.
Marcel Anders