DIRE STRAITS: Vom Erfolg überwältigt -
Musikexpress
Glücklich, aber unendlich müde – in diesem Zustand verließen die Dire Straits
Anfang Juli Deutschland. Hinter Ihnen lag die erfolgreichste Woche ihrer
kurzen, stürmischen Karriere. Fast 80.000 Leute sahen Sie bei ihren 4
Auftritten, und ihre neue LP nahm weltweit die Hitparaden im Handstreich.
Hallo, wie geht's denn so?" begrüßt mich Mark Knopfler backstage in der
Dortmunder Westfalenhalle.
„Müde ein bisschen" antworte ich, „aber längst nicht so müde wie du." Mark senkt
den Kopf, guckt mich ganz merkwürdig an und lässt mich stehen. Ich hab' den
wundesten Punkt der Dire Straits getroffen: Sie sind ausgepowert, auch wenn man
davon eine Stunde später bei ihrem Auftritt nichts merken wird. Nach einem
dreiviertel Jahr on the Road, nur unterbrochen durch die Produktion von
„Communique" auf den Bahamas, sind die allabendlichen eineinhalb Stunden auf der
Bühne die Droge, die die Band aufrechterhält.
Glücklicherweise steigt die Dosis, je müder die Straits werden. Am Vorabend des
Dortmunder Konzertes, beim Festival auf der Loreley, erlebt die Gruppe so
eindrucksvoll wie nie zuvor, wie überwältigend die Zuneigung von großen
Menschenmassen sein kann. ,,Das war einmalig, „ erzählt Mark Knopfler. „Ich habe
es nicht für möglich gehalten, dass bei einem über 20.000 köpfigen Publikum
solch ein Feeling rüberkommen kann." Mark hat noch immer eine Abneigung gegen
Konzerte vor mehr als vier-, fünftausend Leuten. Aber wenn es so läuft wie auf
der Loreley, sagt er, dann sei das was anderes. In Dortmund treffen die Straits
auf ein ähnlich eingestimmtes Publikum. Jedenfalls bestätigt das nach dem
Auftritt Ed Bicknall, der Manager der Band. Nachdem sie die Bühne betreten
haben, schlägt ihnen minutenlanger Beifall und Jubel entgegen. Keine
überschwängliche
Begeisterung, sondern unglaublich warmherzige Zustimmung. Als der Beifall
endlich etwas abflaut, lässt Mark den Auftakt zu „Once Upon A Time In The West"
aus der Gitarre fließen. Die Fortsetzung des Songs verschluckt der
wiederaufbrandende Jubel, und noch einmal dauert es zwei, drei Minuten, ehe die
Sultans Of Swing endgültig auf die Reise gehen können. Nach Hamburg im
vergangenen Jahr und Bremen im Februar dieses Jahres bringt Dortmund mein
drittes Wiedersehen mit den Dire Straits.
Obwohl viele Leute von dem Hamburger Auftritt in den höchsten Tönen schwärmen,
weil damals alles so neu und unerwartet war, gefällt mir die Gruppe in der
Westfalenhalle besser als zuvor.
Das Zusammenspiel der Musiker ist noch dichter, noch nahtloser geworden, und mir
fällt beim besten Willen keine andere Rockgruppe ein, in der vier Individuen
ähnlich eindrucksvoll zu einem Team verschmelzen. Mark Knopfler als Sänger,
Gitarrist extraordinärer und begnadeter Songschreiber nimmt zwar eine
hervorragende Stellung im Bandgefüge ein; bei diesem Konzert wird gleichwohl
deutlich, dass seine ganze Kunst steht und fällt mit der Zuarbeit und der
Inspiration von Pick Withers, John Illsley und David Knopfler. Mark ohne die
Straits wäre zunächst einmal nur noch die Hälfte wert. Seine
ständige Abwehr der Führerrolle, die man ihm von außen immer wieder zuschiebt,
resultiert wohl aus dem instinktiven Wissen um diese Rollenverteilung.
In den Geschichtsbüchern der Rockmusik steht Mark Knopfler allerdings zu Recht
schon jetzt an bevorzugter Stelle. Er ist der erste populäre Rockgitarrist seit
Jimi Hendrix, der dem noch immer wichtigsten Rockinstrument wieder eine neue
Dimension erschlos sen hat. Mit den Fingern - also ohne Plektron - schlägt er
auf der Stratocaster weich fließende, sinnliche Läufe, wie sie früher
ansatzweise höchstens von Peter Greeen gespielt wurden. Mark ist ein
außergewöhnlicher Könner auf seinem Instrument; und dass er nach dem
raketenartigen Aufstieg zum Rockidol seine hohe Kunst auf der Bühne nach wie vor
äußerst zurückhaltend in Szene setzt, untermauert seine besondere Stellung
noch.
Die sympathische Bescheidenheit, mit der die Straits auftreten, ist mehr denn je
ein Phänomen. Wären da nicht die endlose Müdigkeit in ihren Gesichtern und der
Wirbel um sie herum, dann könnte man sich zurückversetzt fühlen bis zu jenem Tag
im Frühjahr 1978, an dem sie in Hamburg im Büro der Phonogramm-Mitarbeiterin
Ingrid Jürs saßen, um ein paar Leuten ihre erste Single in die Hand zu drücken.
Offen bleibt allerdings, wie lange die Band dem psychischen Erfolgsdruck noch
widerstehen kann - zuviel hat sich in nur einem Jahr für sie verändert.
Erfolg kann nicht nur im positiven Sinne überwältigend sein; er kann auch
niederdrücken. Ed Bicknall meint zwar, der rasche Aufstieg habe seine Vorteile
(„Nun haben es die Jungs hinter sich"), doch Pick Withers widerspricht ihm in
aller Deutlichkeit: „Eins ist klar: wir verlieren den Boden unter den Füßen. Der
Kontakt zur Realität geht flöten. Wir brauchen jetzt dringend einen langen
Urlaub, um wieder klarzukommen." Es ist vor allem die Trennung von ganz normalen
Mitmenschen, die den Straits zu schaffen macht. Seit es sich rumgesprochen hat,
dass sie weltweit die steilste Karriere seit den
Beatles gemacht haben, benehmen sich die Leute um sie herum immer merkwürdiger.
„Am schlimmsten war Amerika!", berichten Pick Withers und Ed Bicknall
übereinstimmend. „Da wollte uns jeder Hanswurst bei der Plattenfirma und jeder
Discojockey bei den Radiostationen einhämmern, dass wir den Erfolg nur ihm zu
verdanken hätten. Da tauchten unzählige Typen auf, um uns das Geld aus der
Tasche zu ziehen. Und das in einer Situation, wo wir ständig unterwegs waren und
eh viel Kraft brauchten, um den Kopf oben zu halten."
Es ist heute ein offenes Geheimnis, dass Wamer Brothers in Amerika sich zunächst
mit Händen und Füßen wehrten, für die in ihren Augen chancenlose erste
Straits-LP auch nur einen müden Dollar locker zu machen. Später, als die Sultans
Of Swing dann hoch oben in der US-Charts gelandet waren, schaltete Warner im
Billboard eine prächtige Anzeigenserie, in der die Company sich selbst auf die
Schulter klopfte: „Woche für Woche verhelfen Warner, Elektra und Atlantic mehr
und mehr neuen Künstlern zum Durchbruch." Als Kronzeugen für diese These wurden
in der Anzeigenkampagne selbstredend die Dire Straits präsentiert...
Der Rummel in den Staaten und die Erschöpfung nach vielen Tourneemonaten führten
bekanntlich dazu, dass die Straits im Mai einige Konzerte in Norddeutschland
absetzten. Pick Withers gibt aber unumwunden zu, dass es da einen Tropfen gab,
der das Fass zum Überlaufen brachte; ein Ereignis also, das die in der Luft
liegende Absage endgültig untermauerte: das Angebot von Bob Dylan an ihn und
Mark, bei den Aufnahmen zu einer neuen LP mitzuwirken. Dylan spielte mit Pick
Withers und Mark Knopfler neun (!) Songs ein; herauskommen wird die LP
möglicherweise schon im Herbst.
Dylan machte ein noch weitergehendes Angebot: er wollte mit beiden
Straits-Musikern auch Konzerte geben. „Das, „ erklärt Ed Bicknall, „haben sie
dann aus Zeitgründen abgelehnt, obwohl sie durchaus Lust auf so eine kleine
Extratour hatten." Wie geht es weiter mit den Dire Straits? Vielleicht holen sie
noch in diesem Jahr die ausgefallenen deutschen Konzerte nach. Auch Amerika
steht wieder auf dem Programm. Ein paar Sommerwochen lang können sie vorher aber
noch in wohlverdienter Ruhe rätseln, warum es gerade sie so getroffen hat.
„Darauf wissen wir immer noch keinen Reim“, meint
Pick Withers. Bei einem letzten Gespräch mit Ed Bicknall stelle ich zur
Diskussion, ob die nachgewachsene „sanfte Generation", von der seit kurzem so
viel die Rede ist, in der Dire Straits-Musik ihren Soundtrack gefunden haben
könnte. Ed runzelt mit den Augenbrauen und erklärt jovial, dieser Gedanke sei
gar nicht so dumm...
© Musikexpress Hermann Haring